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There is no normal life - there is just life

Artikel von Christian A. Herbst (Partner bei IN.flow) Juni 2020

Führungskräfte und Mitarbeitende in Startups, KMU´s, Grosskonzernen und anderen Organisationen wünschen sich endlich wieder normales Leben und Arbeiten. Das ist, nach vielen Wochen «Lockdown» verständlich. Gleichzeitig kann der Wunsch nach «Normalität» uns daran hindern die Chance, die sich uns bietet zu ergreifen. Die Wochen im Ausnahmezustand haben uns gelehrt, was wir können, wenn wir nur wollen, weil wir es müssen. Uns wurde ein Crashkurs in Innovation, Flexibilität und Digitalisierung verpasst. Die Lektion war längst überfällig.


Jetzt gilt es sehr bewusst innezuhalten und zu lernen. Jetzt «mussten» wir. Wie wäre es, wenn wir selbstbestimmt entscheiden, was wir verändern wollen. Vieles hat erstaunlich gut funktioniert.  Anderes haben wir vermisst oder hat nicht funktioniert. Wir dürfen jetzt evaluieren und mutig entscheiden wie wir in Zukunft leben und miteinander arbeiten wollen.   

 

 

Die latente Gefahr

Im jetzigen Übergang lauert eine grosse Gefahr: Normal Life.

 

Viele wollen schnell zu dem «alten Normal» zurück. Zurück zu dem, was so vertraut ist und uns, psychologisch gesehen, ein Gefühl der Sicherheit gibt. Auch das ist nur allzu verständlich, aber eben nicht zielführend. Wir haben gerade einen Zustand sehr grosser Unsicherheit erlebt.

Was wir getan haben ist grossartig: wir haben Resilienz gezeigt, haben grosszügig miteinander geteilt und unsere Nachbarn unterstützt. Wir sind gemeinschaftlich mit der Krisensituation umgegangen, waren kreativ, innovativ und haben uns sehr schnell angepasst. Das heisst doch, dass wir die Kompetenzen, die es braucht, um erfolgreich in die Zukunft zu gehen bereits  besitzen.

 

Gefährlich ist, wenn wir die neue Situation nicht aktiv gestalten. Das Leben bietet keine echte Sicherheit. VUCA gibt es nicht erst seit März 2020. Wir müssen (und ich gebrauche dieses Wort wirklich sehr selten) lernen und verinnerlichen, dass sich die Dinge kontinuierlich verändern. Pro Zeiteinheit gibt es real mehr Veränderung. Es ist nicht so, dass wir jetzt eine Transformation erleben und dann ist alles wieder «gut» und «normal». Nein, Transformation ist das neue «Normal». Das ist der Startpunkt. Wenn wir diesen Fakt erst mal akzeptieren, entspannen und beruhigen wir unser limbisches System.

 

«Normal» individuell definieren

Normal ist offiziell folgendermassen definiert: der Norm entsprechend; vorschriftsmässig, so [beschaffen, geartet], wie es sich die allgemeine Meinung als das Übliche, Richtige vorstellt.[1]

 

Was man als «normal» betrachtet ist somit abhängig von dem Kontext und den Menschen, die dieses «normal» definieren. Normal ist ständiger Veränderung unterworfen und passt sich der Zeit und Gesellschaft an, in der wir uns befinden.

 

Die heutigen Organisationsstrukturen und beruflichen Umgangsformen sind grösstenteils überaltert. Viele orientieren sich noch immer an einem hierarchischen Modell, welches ca. 2500 Jahre alt ist und von Platos Vorstellungen[2] herrührt. Plato hatte dabei wohl durchaus das Volkswohl im Blick. Ob das im Lauf der Jahre so geblieben ist, wage ich zu bezweifeln.

 Hier ganz grob zusammengefasst sein Modell vom idealen Staat:  Wenige (Philosophenkönige) meinten zu wissen, wie es läuft und sagten wo´s lang geht. Die Executive (Wächter) gaben Anweisungen und kontrollierten, das «normale" Volk. Als normales, einfaches Volk galten übrigens die Arbeiter, Bauern und alle Frauen. Diese Struktur wurde lange als «normal» verstanden und vielleicht ist das immer noch so. Vor 100 Jahren war es z.B. normal, dass Frauen nicht studieren durften, geschweige denn Zugang zu führenden Positionen hatten. Heute ist es, zumindest in sehr vielen Kulturen normal, dass Frauen studieren. Frauen in Führungspositionen – naja, da sind wir wohl noch hinterher. Da darf sich die Vorstellung von normal noch deutlich ändern. Home-Office in Banken oder Versicherungen war bis vor wenigen Monaten ebenfalls nicht normal. Auf einmal geht das. Eine der grössten Banken hier in der Schweiz will jetzt einen Tag pro Woche Home-Office einführen.

 

Könnte auch das normal werden: wirklich flexible Arbeitszeiten. Vertrauen in Mitarbeitende , auch wenn sie physisch nicht im Büro sind. Mehr Freiheit um Familie und Arbeit unter einen "Hut" zu bringen. 

 

Sie definieren, was in Zukunft «normal» sein wird.

 

Ein Zukunftsbild erstellen

In den letzten Wochen hat sich vor unseren Augen eine Vision aufgetan. Hier einige Aussagen von Mitarbeitenden und Führungskräften, die ich im April 2020 im Rahmen eines Projektes für «mentale Gesundheit im Home-Office» [3]befragt habe:
 
 «Wow, von Zuhause aus arbeiten wir ja richtig effizient, wir bekommen so viel geschafft», «diese Online Meetings sind viel strukturierter als sonst, wenn wir uns physisch treffen» « Ich möchte keine zwei Stunden mehr  im Stau verbringen», «bei uns war Home-Office verboten und jetzt merken wir, dass wir und die Mitarbeitenden von Zuhause aus mehr leisten als wir uns in den kühnsten Träumen hätten vorstellen können». Viele haben gesehen, wie dieses neue Leben und Arbeiten ausschauen könnte.

 Eine gerade veröffentlichte Umfrage in der Schweiz besagt, dass mehr als 70%[4] derjenigen die grundsätzlich im Home-Office arbeiten könnten, das in Zukunft auch tun wollen. Viele von uns wollen das jetzt und es braucht keine schicksalhafte Intervention mehr. Mitarbeitende und Führungskräften haben jetzt die Aufgabe zu entscheiden ob und wie das machbar ist.

 

Sicherlich mit den besten Absichten, liefern einige Unternehmungen bereits jetzt Antworten und überlegen z.B. 20% Homeoffice für alle Mitarbeiter einzuführen. Ich frage mich: wird damit die bestmögliche Arbeitsform für eine gegebene Situation ermöglicht? Übt man hier Selbstverantwortung und Flexibilität, die so nötig ist in diesen Zeiten? Für mich schaut das eher danach aus, dass man im hierarchischen Denken bleibt. Damit überträgt man  ein altes, starres System auf die neue Situation.

 

 

Bewusst-sein

Bewusst oder unbewusst werden wir dem Zukunftsbild folgen, welches wir jetzt kreieren. Unser Gehirn sucht etwas wohin es denken kann. Es braucht eine möglichst klare Vision. 

 

Es gibt so viele wunderbare Ideen und bereits konkret umsetzbare Modelle, wie wir menschenorientiert, verantwortungsvoll, effizient und zum Wohle Aller wirtschaften können. Es liegt in unserer Hand zu entscheiden, was wir mit in die neue Welt nehmen. Was lernen wir von der Zeit, als wir in unsere Home-Offices gesperrt wurden? 

Nehmen Sie sich die Zeit und zeichnen Sie mit ihren Mitarbeitenden und Kollegen Ihr «Zukunftsbild» in den schillerndsten Farben. 
Jetzt gilt es bewusst innezuhalten, nachzudenken und gemeinsam zu gestalten wie wir weitermachen wollen. Oberflächliche und schnelle Antworten zu geben wäre fatal.

 

Ja, es ist auch gut zu besprechen von wo aus wir am besten arbeiten können: von Zuhause, im Café, im Coworkingspace oder dem Büro und auch welche digitalen Tools wir in Zukunft nutzen. 

 

Die Fragestellungen gehen jedoch weit über die Verhaltensebene hinaus und liegen im Bereich der Werte, Gefühle und Bedürfnisse: Warum gibt und braucht es uns als Organisation? Wer wollen wir sein? Wie wollen wir miteinander arbeiten und miteinander umgehen? In welcher Organisationskultur und -struktur sind wir glücklich? Was ist für uns als Unternehmen wichtig und unterstützt die Gesellschaft? Wie wollen wir uns wappnen für eine Zukunft, in der sich alles immer schneller dreht, alles immer komplexer wird und in der es wenig Verlässliches gibt?

 

Kratzen Sie nicht nur an der Oberfläche. Nutzen Sie die Chance für echte Veränderung.

 

Wohin es gehen könnte

 Vieles geht wohl in Richtung Selbstverantwortung und Selbstorganisation. Plötzlich durften und mussten die Mitarbeitenden mehr Eigenverantwortung übernehmen und taten das auch. Viele haben festgestellt, dass sie gut arbeiten können, wenn sie mehr selbst gestalten können. Auf der anderen Seite haben viele von uns kein Ende gefunden und Tag und Nacht gearbeitet. Wir dürfen sicher noch lernen eigenständig Grenzen zu setzen. Eigenverantwortung heisst eben auch für sich selbst zu sorgen.

 

Wir haben einander ins «Private» geschaut. Auf einmal erschienen auf dem Bildschirm die Kinder, die Katze, der Hund, die Partnerin oder der Lebensgefährte. Die Gitarre an der Wand, offenbarte eine unbekannte Seite unserer Kollegin. Das wäre doch schön für die Zukunft: Ganz Mensch sein können. Bringen wir uns doch ganz mit.  Von Zuhause ins Büro.

 

Zeitfenster nutzen

Oft öffnet sich durch ein gewisses «Chaos» ein Fenster für tiefgreifende Veränderung. Schon bald kommen die «alten Mächte» zurück und das Fenster schliesst sich. Deshalb ist es so wichtig jetzt zu handeln. Doch Achtung: ein 10 Punkte Plan, den ein Berater für Sie erstellt, kann nicht nachhaltig sein. Die Antworten liegen nicht ausserhalb Ihrer Organisation, sondern direkt vor Ihrer «Nase».  Sie, Ihre Kollegen und Mitarbeiter tragen den Wissensschatz bereits in sich. Der «Schatz» muss nur noch gehoben werden.

 

Initiieren Sie Workshops. Digital oder physisch. Kommen Sie zusammen und sammeln Sie die Ideen und Lösungen, welche als «Rohdiamanten» in Ihrer Organisation verborgen sind. Entscheiden Sie, auf was Sie sich konzentrieren wollen und dann los: nutzen Sie die gerade so wunderbar gelebten Kompetenzen und probieren Sie es aus. Einfach mal machen. Dann beobachten Sie ob Ihnen das gefällt. Wenn nicht, passen Sie es an. Dann wieder beobachten, anpassen und so weiter. So machen Sie es mit all dem was Sie neu erschaffen wollen. Das macht richtig Spass.

 

Die Zukunft ist nicht gegeben. Die Zukunft ist verhandel- und gestaltbar. Schaffen Sie jetzt Ihr neues und doch ewig wandelbares «normal Life».

 

 

Kleine Schritte zur Veränderung

Hier geben wir Ihnen noch Anleitung und Unterstützung zur bewussten Reflexion und für Workshops, in denen Sie Ihre Zukunft als Team planen. 

 

Als erstes ist es wichtig inne zu halten und gemeinsam zu reflektieren was Sie gut und wertvoll fanden in der Zeit im Home-Office. Dann definieren Sie, welche Ideen Sie zuerst umsetzen möchten. Anschliessend sammeln Sie Ideen, wie das oben Erarbeitete konkret in die Praxis umgesetzt werden kann. Letztlich geht es darum Ihre Ideen durch die Erstellung eines Prototyps zu konkretisieren. 

 

Was Sie dann entwickeln ist nicht für die Ewigkeit gedacht, sondern das Erarbeitete soll gut genug für jetzt sein und sicher genug um es zu versuchen. 

 


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